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HOF·BERLIN

Vom Kahlschlag zur behutsamen Stadterneuerung

Aktualisiert am · 3 Minuten Lesezeit

Dass es in Kreuzberg, im Wedding oder in Prenzlauer Berg heute noch so viele Höfe gibt, ist kein Zufall. In den 1960er Jahren sollten viele von ihnen verschwinden. Eine Gegenbewegung hat das verhindert.

Unverputzte Klinkerfassade eines Berliner Hinterhauses mit Sprossenfenstern
Unsaniertes Hinterhaus in Prenzlauer Berg. Viele solcher Fassaden wurden erst nach 1990 erneuert. Bild: Ansgar Koreng, CC BY 3.0 de, Wikimedia Commons

Altbau als Problem

Nach dem Zweiten Weltkrieg galten die Gründerzeitviertel als Erbe einer verfehlten Stadtentwicklung. Dunkle Hinterhöfe, Ofenheizung, Toiletten auf halber Treppe, Gewerbe mitten im Wohnblock: Das alles sollte die moderne Stadt hinter sich lassen. Das Leitbild war die aufgelockerte, durchgrünte Stadt, in der Wohnen, Arbeiten und Verkehr getrennt sind.

In West-Berlin wurde daraus ab Mitte der 1960er Jahre ein großes Programm. In ausgewiesenen Sanierungsgebieten, etwa im Wedding und in Kreuzberg, kauften Wohnungsbaugesellschaften die Häuser auf, die Mieter wurden umgesetzt, die Blöcke abgeräumt. Der Architekt Hardt-Waltherr Hämer prägte dafür später den Begriff „Kahlschlagsanierung“. Eines der Opfer war der Meyers Hof in der Ackerstraße, gesprengt 1972.

Widerstand

Gegen dieses Vorgehen formierte sich ab den 1970er Jahren Widerstand. Mieter wollten nicht in Neubausiedlungen am Stadtrand ziehen. Kleine Betriebe verloren mit dem Abriss ihre Werkstätten. Studien zeigten, dass Modernisieren oft billiger war als Abreißen und Neubauen. Hämer, Professor an der Hochschule der Künste, erprobte schon ab Ende der 1960er Jahre im Wedding und am Klausenerplatz in Charlottenburg, wie man Altbauten mit den Bewohnern statt gegen sie erneuern kann.

Um 1980 kamen die Hausbesetzungen hinzu. Vor allem in Kreuzberg standen viele Häuser leer, weil sie für den Abriss vorgesehen waren. Junge Leute zogen ein und reparierten sie auf eigene Faust. Die Konflikte waren heftig, aber sie stoppten die Flächensanierung praktisch.

Ein frühes Beispiel ist der Klausenerplatz in Charlottenburg. Mitte der 1970er Jahre wurde der heruntergekommene Kiez nicht abgerissen, sondern instand gesetzt, nach Angaben aus der Fachliteratur für etwa ein Drittel dessen, was ein Neubau gekostet hätte. Das Beispiel wurde zum Argument für alle, die Altbauten erhalten wollten.

Neue Grundsätze und die IBA

Die Antwort der Politik war die „behutsame Stadterneuerung“. Das Konzept wurde im Rahmen der Internationalen Bauausstellung 1984/87 ausgearbeitet, deren Altbauteil Hämer leitete, und 1983 vom Abgeordnetenhaus angenommen. Die wichtigsten Grundsätze klingen heute selbstverständlich:

  • Erneuerung mit den Bewohnern, nicht gegen sie
  • Erhalt der vorhandenen Bausubstanz, wo es möglich ist
  • schrittweises Vorgehen statt Großbaustelle
  • Mieten, die sich die bisherigen Bewohner leisten können
  • Erhalt der Mischung aus Wohnen und Gewerbe

Für die Höfe bedeutete das eine Wende. Statt ganze Blöcke abzureißen, wurden einzelne Seitenflügel oder Quergebäude entfernt, um Licht und Luft hereinzulassen. Höfe wurden entsiegelt, mit Bäumen bepflanzt und zu Gemeinschaftsflächen umgebaut. Viele der grünen Höfe, die man heute in Kreuzberg findet, stammen aus dieser Zeit.

Und im Osten?

In Ost-Berlin war die Lage anders, aber nicht besser. Altbauten wurden jahrzehntelang kaum instand gehalten, der Staat setzte auf Plattenbauten. Auch dort gab es Abrisspläne, etwa für Teile von Prenzlauer Berg. Und auch dort wehrten sich Bewohner, wie die Geschichte des Hirschhofs zeigt. Nach 1990 wurden die Grundsätze der behutsamen Stadterneuerung auf die Altbaugebiete im Osten übertragen. Gleichzeitig begann eine Welle von Sanierungen, die viele Häuser rettete und viele frühere Bewohner verdrängte.

Was bleibt

Ohne diese Wende sähe die Berliner Innenstadt heute völlig anders aus. Die meisten Höfe, die auf dieser Seite beschrieben sind, gäbe es nicht mehr. Die Diskussion ist aber nicht zu Ende. Milieuschutzgebiete, wie es eines seit 2020 auch um Riehmers Hofgarten gibt, sind ein Versuch, die soziale Seite der behutsamen Erneuerung mit heutigen Mitteln fortzusetzen. Wer tiefer einsteigen will, findet im Artikel Behutsame Stadterneuerung bei Wikipedia viele Quellen.

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