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HOF·BERLIN

Meyers Hof in der Ackerstraße

Aktualisiert am · 3 Minuten Lesezeit

Wenn in Berlin von der Mietskaserne die Rede ist, fällt fast immer dieser Name. Meyers Hof in der Ackerstraße war das Extrem dessen, was die Bauordnung erlaubte. Gebaut in den 1870er Jahren, gesprengt 1972.

Farbiger Stadtplanausschnitt von 1910 mit dicht bebauten Grundstücken an der Ackerstraße
Ausschnitt aus dem Straube-Plan von 1910. Die langen, schmalen Grundstücke an der Ackerstraße sind bis ganz hinten bebaut. Bild: Straube Übersichichtsplan von Berlin, Georeferenzierte Image (GTiff), Soldner Berlin - EPSG:3068, gemeinfrei, Wikimedia Commons

Lage und Name

Der Meyerische Hof, über der Einfahrt als „Meyer's-Hof“ angeschrieben, stand in der Ackerstraße 132 im damaligen Bezirk Wedding, heute Ortsteil Gesundbrunnen im Bezirk Mitte. Bauherr war der Textilfabrikant Jacques Meyer, der seine eigene Fabrik in der Köpenicker Straße hatte. Ab 1878 übernahm sein Sohn Otto Meyer die Verwaltung.

Sechs Höfe hintereinander

Auf einer einzigen, sehr langen Parzelle standen ein Vorderhaus und dahinter fünf Quergebäude. Dazwischen lagen sechs Höfe. Man ging von der Straße durch eine Durchfahrt in den ersten Hof, durch die nächste Durchfahrt in den zweiten und so weiter. Ursprünglich war ein großer Teil der Anlage für Gewerbe vorgesehen. Nach dem Gründerkrach von 1873, als viele Aktiengesellschaften zusammenbrachen, erschien Wohnraum als die sicherere Einnahme, und die Gewerbeflächen wurden zugunsten von Wohnungen verkleinert.

Die Anlage hatte gut 250 Wohnungen, die meisten bestanden aus Küche, Stube und Kammer. Wie viele Menschen dort zeitweise lebten, wird unterschiedlich angegeben. Häufig ist von rund 2.000 Bewohnern die Rede. Die Wohnungen lagen beidseitig an langen, fensterlosen Fluren. Wer von der Stube in die Küche wollte, musste oft über diesen dunklen Gang.

Schema von Meyers Hof: Vorderhaus und fünf Quergebäude mit sechs Höfen hintereinander123456VHACKERSTRASSE → sechs Höfe → hinterstes Quergebäude
Schema der Hoffolge: ein Vorderhaus (rot), fünf Quergebäude (grün), dazwischen sechs Höfe.

Wohnen und Arbeiten auf engstem Raum

Jeder zweite Hof war mit Toilettenhäuschen bebaut, in den anderen standen kleine Verkaufsstände, und Kinder spielten zwischen den Wänden. Viele Werkstätten entstanden ohne Genehmigung, abgezweigt aus Wohnungen. Trinkwasser kam anfangs aus einem Brunnen auf dem Grundstück. Toiletten auf jedem Flur wurden erst zwischen 1895 und 1897 eingebaut, Gas und später Strom noch viel später.

1903 ließ Meyer im hintersten Quergebäude eine Dampfmaschine aufstellen und vermietete das Haus von oben bis unten an kleine Betriebe, vor allem Druckereien und andere Werkstätten. Damit wurde Meyers Hof zu einem Paradebeispiel für die enge Verbindung von Wohnen und Arbeiten, die im Beitrag über die Berliner Mischung erklärt wird. Hier zeigte sie ihre dunkle Seite.

Niedergang

Nach dem Tod Otto Meyers 1920 verkauften die Erben den Hof. Er wurde zum Spekulationsobjekt, die neuen Eigentümer investierten kaum. Dächer wurden undicht, der Putz fiel ab, zeitweise gab es kein sauberes Wasser. In der Weltwirtschaftskrise verloren viele Bewohner ihre Arbeit, und 1932/33 schlossen sich auch die Mieter von Meyers Hof den Berliner Mieterstreiks an. Pläne für einen Abriss gab es schon in den 1920er Jahren.

Im Zweiten Weltkrieg wurden mehrere Gebäude zerstört. Stehen blieben nur das Vorderhaus und das erste Quergebäude.

Abriss

In den 1960er Jahren wurde der Wedding eines der großen Sanierungsgebiete West-Berlins. Saniert hieß damals meist: abreißen und neu bauen. Das Grundstück ging 1965 an eine Stiftung, die Mieter zogen nach und nach aus. 1970 wohnten noch 42 Parteien dort. Am 17. Oktober 1972 wurden die letzten Gebäude gesprengt. An ihrer Stelle entstanden moderne Wohnhäuser.

Mit Meyers Hof verschwand ein Symbol, aber auch ein Zeugnis. Dass man später anders mit Altbauten umging, beschreibt der Beitrag zur behutsamen Stadterneuerung. Den Gegenentwurf aus derselben Epoche zeigt Riehmers Hofgarten in Kreuzberg. Wer heute in der Ackerstraße steht, findet nur noch die Hausnummer. Einen Eindruck der Bauweise bekommt man in den erhaltenen Höfen der Umgebung.

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