Der Hirschhof in Prenzlauer Berg
Mitten im DDR-Altbau, wenige Meter von der Mauer entfernt, legten Nachbarn in den 1980er Jahren einen Park in ihren Hinterhöfen an. Benannt nach einer Stahlskulptur, wurde der Hirschhof zum Treffpunkt einer ganzen Szene.

Ein Block an der Mauer
Der Hirschhof liegt im Block zwischen Oderberger Straße und Kastanienallee in Prenzlauer Berg. In der DDR war das eine heikle Lage, denn die Berliner Mauer verlief ganz in der Nähe. Die Gründerzeithäuser verfielen, und die Behörden planten, den Block abzureißen und neu zu bebauen. Dass es nicht dazu kam, lag auch an den Bewohnern. Über die Wohnbezirksausschüsse, eigentlich Gremien der staatlichen Ordnung, erzwangen sie die Offenlegung der Pläne und brachten sie zu Fall.
Auf dem Gelände des späteren Hirschhofs hatte bis zum Krieg eine feinmechanische Fabrik gestanden, die bei einem Luftangriff zerstört wurde. Übrig blieben Trümmerflächen zwischen den Wohnhäusern.
„Macht den Höfen den Hof“
Anfang der 1980er Jahre startete in Ost-Berlin eine Mitmachaktion zur Verschönerung der Hinterhöfe. Prenzlauer Berg, der Bezirk mit den meisten Hinterhöfen, war ein Schwerpunkt. In der Oderberger Straße taten sich Mieter zusammen, räumten Schutt weg und legten mehrere Höfe zusammen. Der Rat des Stadtbezirks gab Geld dazu, den Großteil der Arbeit erledigten die Anwohner selbst.
Mit der künstlerischen Gestaltung wurden die Künstler Anatol Erdmann, Stefan Reichmann und Hans Scheib beauftragt. Im Sommer 1985 wurde der Hof eröffnet. Den Namen gab eine knapp drei Meter hohe, bunt bemalte Hirschfigur aus verschweißtem Stahlschrott. Der Zugang von der Oderberger Straße 15 führte durch den Hirsch hindurch.
Treffpunkt der Szene
Bald war der Hirschhof mehr als eine Grünanlage. Es gab eine kleine Bühne, eine Art Amphitheater, auf der Anwohner Konzerte, Lesungen und Filmabende organisierten. Jeden Sommer fand ein Hoffest statt. Künstler, Intellektuelle, Punks und Bluesfans aus der Prenzlauer-Berg-Szene trafen sich hier, viele von ihnen standen dem Staat kritisch gegenüber. Die Staatssicherheit legte eine eigene Akte an.
Dazu kamen Fundstücke und Kunstwerke: eine Sitzgruppe in Form von Obst und Gemüse, Fliesenbilder, Steinblöcke. Lange hieß es, die Steine stammten vom gesprengten Stadtschloss. Nach späteren Recherchen handelt es sich eher um Trümmer des Berliner Doms, die die Initiatoren von einer Deponie geholt hatten.
Nach der Wende
Nach 1990 wurden die Häuser ringsum saniert, die Mieten stiegen, viele alte Bewohner zogen weg. 1992 war der Hirschhof Ausgangspunkt großer Demonstrationen unter dem Motto „Wir bleiben alle“, eine Anspielung auf die alte Abkürzung WBA. Für eine Weile ließ sich der Hof so schützen.
Die angrenzenden Häuser wurden aber verkauft und in Eigentumswohnungen umgewandelt. Seit den späten 1990er Jahren war der Hof nicht mehr frei zugänglich. Es folgte ein langer Rechtsstreit zwischen den Eigentümern und dem Bezirk Pankow, der den Hof öffentlich halten wollte. 2011 entschied das Oberverwaltungsgericht, dass der Hirschhof keine öffentliche Grünfläche ist. 2014 gab der Bezirk den Streit auf und baute die alte Anlage zurück. Steinblöcke und Kapitelle wurden eingelagert, mit dem Ziel, sie an anderer Stelle im Viertel wieder aufzustellen.
Warum der Hirschhof wichtig ist
Der Hirschhof zeigt, was ein Hof sein kann, wenn die Nachbarn ihn sich nehmen: Garten, Spielplatz, Bühne und Versammlungsort. Er zeigt auch, wie schnell ein solcher Ort verschwindet, wenn sich die Eigentumsverhältnisse ändern. Wer heute selbst einen Hof begrünen möchte, findet im Beitrag Hof begrünen praktische Hinweise. Über den Umgang mit Altbauvierteln in Ost und West berichtet der Beitrag zur behutsamen Stadterneuerung.
Der Zustand vor Ort hat sich seit 2014 verändert. Wer sich auf die Suche macht, sollte vorher aktuelle Informationen einholen und Privatgelände respektieren. Die ausführliche Geschichte steht im Artikel Hirschhof bei Wikipedia.
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