Die Mietskaserne: Vorderhaus, Seitenflügel, Quergebäude
Von der Straße aus sieht man nur die Stuckfassade. Was dahinter liegt, ist eine ganze Abfolge von Gebäuden und Höfen, und jedes Haus darin hatte seine eigene soziale Stellung.

Das Wort und die Sache
„Mietskaserne“ ist ein Kampfbegriff, kein Fachwort der Bauherren. Er beschreibt ein mehrgeschossiges Mietshaus der Gründerzeit mit einem oder mehreren Innenhöfen, gebaut für Arbeiter und kleine Angestellte und so dicht, dass die Bewohner wie in einer Kaserne untergebracht waren. Heute spricht man meist neutraler vom Altbau oder vom Gründerzeitquartier. Gemeint sind dieselben Häuser, die inzwischen zu den gefragtesten Wohnungen der Stadt gehören.
Der Aufbau eines Grundstücks
Ein typisches Berliner Grundstück dieser Zeit besteht aus mehreren Teilen. Wer die Namen kennt, findet sich in jedem Altbau zurecht, auch bei Adressen wie „Hinterhaus, 3. OG links“.
- Vorderhaus: steht direkt an der Straße, hat die Schmuckfassade mit Stuck, die höchsten Decken und die größten Wohnungen.
- Seitenflügel: schließt im rechten Winkel an das Vorderhaus an, meist an einer Grundstücksgrenze, oft mit eigenem Treppenhaus.
- Quergebäude oder Hinterhaus: steht wieder parallel zur Straße und trennt den ersten vom zweiten Hof. Auf langen Grundstücken folgen mehrere davon.
- Remise: ein niedriges Nebengebäude im hinteren Bereich, früher für Pferde, Wagen und Werkstätten.
- Berliner Zimmer: der große Eckraum zwischen Vorderhaus und Seitenflügel, mit nur einem Fenster zum Hof. Ihm ist ein eigener Beitrag gewidmet.
Von oben betrachtet ergibt das eine kamm- oder leiterförmige Struktur. Die Höfe sind meist durch Durchfahrten verbunden, so dass man von der Straße aus bis ganz nach hinten gehen kann.
Oben und unten, vorne und hinten
Die soziale Ordnung folgte dem Licht. Im Vorderhaus wohnten Beamte, Kaufleute und Handwerksmeister, am liebsten in der Beletage, dem ersten Obergeschoss. In den Seitenflügeln und Quergebäuden waren die Geschosse niedriger und die Wohnungen kleiner. Eine typische Hinterhauswohnung bestand aus Küche, Stube und manchmal einer Kammer. Beheizt wurde oft nur die Wohnküche, dort spielte sich das Familienleben ab.
Ganz unten und ganz oben war es am schlimmsten. Souterrain und Dachgeschoss waren feucht, kalt oder im Sommer unerträglich heiß. Im Erdgeschoss der Hinterhäuser saßen häufig kleine Betriebe, deren Lärm und Geruch in die Wohnungen zog.
Enge, Feuchtigkeit, Schlafgänger
Wie eng es war, zeigen einige Begriffe, die aus dieser Zeit stammen. Beim „Trockenwohnen“ zogen Mieter in Neubauten ein, deren Putz noch nicht getrocknet war. Sie zahlten wenig und trugen dafür das Risiko feuchter Wände. „Schlafgänger“ mieteten nur ein Bett für einige Stunden, oft im Wechsel mit anderen. Viele Familien waren auf solche Untermieter angewiesen, weil die Miete ein Viertel bis fast ein Drittel ihres Einkommens kostete.
Eigene Toiletten hatten die wenigsten Wohnungen. Mehrere Parteien teilten sich ein Klo im Treppenhaus oder auf dem Hof. Viele Häuser bekamen erst in den 1920er Jahren eine bessere sanitäre Ausstattung.
Das extreme Beispiel
Am weitesten ging diese Bauweise im Meyers Hof in der Ackerstraße, mit einem Vorderhaus und fünf Quergebäuden hintereinander. Dass es auch anders ging, zeigt der fast zur selben Zeit entstandene Riehmers Hofgarten in Kreuzberg, wo der Hof zur Allee wurde.
Heute sind die meisten dieser Häuser saniert. Viele Seitenflügel und Quergebäude wurden in den Jahrzehnten nach dem Krieg abgerissen, um Licht in die Blöcke zu holen. Wo sie stehen geblieben sind, wohnt man inzwischen oft ruhiger als im Vorderhaus an der lauten Straße. Die rechtliche Grundlage für diese Bauweise erklärt der Beitrag zum Hobrecht-Plan.
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