Remise, Werkstatt, Gewerbehof: die Berliner Mischung
Der Berliner Hof war nie nur ein Wohnhof. Hinter vielen Vorderhäusern klapperten Druckmaschinen, standen Pferde im Stall und wurde Kleidung genäht. Diese Verbindung von Wohnen und Arbeiten hat sogar einen eigenen Namen.

Was die Berliner Mischung ist
Mit „Berliner Mischung“ beschreibt man eine Bebauung, in der Wohnen und Gewerbe auf einem Grundstück zusammenkommen. Das Vorderhaus mit bürgerlicher Fassade war für Kaufleute und Beamte gedacht, die Seitenflügel für Arbeiter und kleine Leute. Im Hinterhaus, in der Remise oder in eigenen Fabriketagen saßen Handwerker, Manufakturen, Fuhrunternehmen und kleine Fabriken. Speziell für die Luisenstadt, also große Teile des heutigen Kreuzberg, spricht man oft von der „Kreuzberger Mischung“.
Der Hobrecht-Plan hatte eine solche Durchmischung im Blick. Gesetzlich verlangt wurde sie nicht, aber sie ergab sich fast von selbst: Die Grundstücke waren tief, Gewerberaum war gefragt, und die Arbeitskräfte wohnten gleich nebenan.
Die Remise
Das kleinste Gewerbegebäude im Hof ist die Remise. Das Wort kommt aus dem Französischen und meint ursprünglich einen Unterstand für Wagen. In Berlin bezeichnet man damit ein- oder zweigeschossige Hofgebäude an der hinteren Grundstücksgrenze. Früher standen dort Pferde, Kutschen und Lieferwagen, manchmal wohnten oben Kutscher oder Stallknechte.
Mit dem Ende der Pferdefuhrwerke wurden aus den Remisen Werkstätten, Garagen und Lager. Heute sind viele zu Ateliers, kleinen Büros, Cafés oder Wohnungen umgebaut. Eine besonders schöne steht in den Heckmann-Höfen in Mitte, mit einem Pferdekopf an der Fassade.
Fabriketagen und Gewerbehöfe
Größere Betriebe brauchten mehr Platz und mehr Licht. Dafür entstanden Quergebäude mit großen Fenstern und tragfähigen Decken, die sogenannten Fabriketagen. Sie wurden geschossweise vermietet, so dass in einem Haus übereinander eine Druckerei, eine Polsterei und ein Konfektionsbetrieb arbeiten konnten. Strom kam anfangs oft aus einer zentralen Dampfmaschine im Hof, die über Transmissionsriemen mehrere Werkstätten antrieb.
Aus dieser Tradition sind die Gewerbehöfe hervorgegangen, ganze Anlagen, die von Anfang an für viele kleine Betriebe geplant waren. Die bekannteste und größte sind die Hackeschen Höfe, wo Wohnungen, Fabriketagen und ein Festsaal in acht Höfen miteinander verzahnt wurden.
Hinterhofindustrie im Kiez
Ganze Viertel lebten von dieser Mischung. In Kreuzberg, Neukölln, im Wedding oder in Moabit gab es Blöcke, in denen hinter jedem dritten Haus eine Werkstatt lag. Der Reuterkiez in Neukölln, zwischen 1871 und 1905 entstanden, gilt mit seinen Hinterhoffabriken und Gewerbehöfen als typisches Beispiel. Die Nähe hatte Vorteile: kurze Wege, Aufträge unter Nachbarn, Arbeit für Frauen in Heimarbeit. Sie hatte auch Nachteile. Lärm, Rauch und Gestank zogen direkt in die Wohnungen.
Konflikte im Hof
Die Mischung war nie konfliktfrei. Wer im Seitenflügel wohnte, hörte morgens um sechs die Maschinen anlaufen. Schmieden, Färbereien und Räuchereien brachten Gerüche, Kohlenhändler Staub. Mit der Zeit kamen Vorschriften hinzu, die störende Betriebe aus Wohnblöcken verbannten. Deshalb dürfen sich lärmende oder riechende Gewerbe heute in den meisten Wohnhöfen nicht mehr ansiedeln, und viele alte Werkstätten bekamen eine ruhigere Nutzung.
Was davon geblieben ist
Nach 1945 galt die Mischung lange als Problem. Das Leitbild der Nachkriegsmoderne war die Trennung von Wohnen, Arbeiten und Verkehr. Viele Hinterhäuser wurden abgerissen, Gewerbe an den Stadtrand verlagert. Dass vieles erhalten blieb, verdankt die Stadt auch dem Umdenken der 1970er und 1980er Jahre, das im Beitrag zur behutsamen Stadterneuerung beschrieben ist.
Heute gilt die Berliner Mischung wieder als Vorbild. Kurze Wege und lebendige Erdgeschosse sind genau das, was Stadtplaner für neue Quartiere suchen. In alten Gewerbehöfen arbeiten inzwischen Grafikbüros, Tonstudios, Fahrradwerkstätten und Manufakturen. Wer durch einen Kreuzberger Hof geht und hinten eine Schreinerei findet, sieht ein Stück Stadt, das seit über hundert Jahren funktioniert.
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