Das Berliner Zimmer
Es ist oft der größte Raum der Wohnung und zugleich der dunkelste. Das Berliner Zimmer gibt es fast nur hier, und es ist eine direkte Folge der Höfe.
Ein Raum im Gelenk
Als Berliner Zimmer bezeichnet man den Raum, der das Vorderhaus mit dem Seitenflügel verbindet. Er liegt genau in der Ecke, wo die beiden Gebäudeteile zusammenstoßen. Weil auf zwei Seiten Wände anderer Räume liegen und auf der dritten die Brandwand zum Nachbarn, bleibt für das Licht nur ein einziges Fenster. Es geht schräg auf den Hof hinaus, oft auf einen sehr kleinen.
Der Raum ist meist groß, nicht selten der größte der ganzen Wohnung. In den unteren Geschossen bekommt er trotzdem kaum direktes Tageslicht, denn vor dem Fenster stehen die Wände des Seitenflügels und des Nachbarhauses.
Wie es dazu kam
Das Berliner Zimmer entstand ab der Mitte des 19. Jahrhunderts, als die Grundstücke immer dichter bebaut wurden. Früher standen im Hof Wirtschaftsgebäude, Ställe und Schuppen. Sie rückten näher an das Vorderhaus heran, wurden aufgestockt und zu Wohnflügeln. Um größere Wohnungen zu bekommen, verband man Vorderhaus und Seitenflügel zu einer Einheit, und das Eckzimmer wurde zum Durchgang.
Verbreitet hat sich der Grundriss auch durch Musterbücher. Eine Grundrisssammlung des Baumeisters Gustav Assmann diente vielen Bauherren als Vorlage, nicht nur in Berlin, sondern auch in anderen preußischen Städten wie Magdeburg, Cottbus oder Stettin. Mit der Bauordnung von 1925, die neue Seitenflügel untersagte, war die Zeit des Berliner Zimmers im Neubau vorbei.
Wofür man es nutzte
Eine feste Funktion hatte der Raum selten. In wohlhabenden Haushalten war er Esszimmer, Musik- oder Bibliothekszimmer. Bei engeren Verhältnissen war er Wohnstube und Werkstatt zugleich. Weil man durch ihn hindurch in die hinteren Räume des Seitenflügels gelangte, war er auch ein Verkehrsweg: Wer von den guten Zimmern zur Straße in die Küche wollte, ging durch das Berliner Zimmer.
Die Räume an der Straßenseite, also Salon und gute Stube, wurden nur zu besonderen Anlässen benutzt. Gelebt wurde in der Mitte. Friedrich Engels, der 1893 in Berlin zu Besuch war, hat sich darüber in einem Brief lustig gemacht. Sinngemäß schrieb er, die Berliner hätten einen Raum mit kaum einer Spur von Fenster erfunden und verbrächten darin den größten Teil ihrer Zeit.
So erkennt man es im Grundriss
Wer eine Altbauwohnung besichtigt, findet das Berliner Zimmer leicht. Es liegt dort, wo die Wohnung um die Ecke knickt. Von ihm aus führt meist ein langer, schmaler Flur in den Seitenflügel, an dem Küche, Kammern und früher die Mädchenkammer lagen. Am Anfang dieses Flurs hing in bürgerlichen Wohnungen oft ein Entréekasten, eine Art Anzeigetafel für die Klingel. Er zeigte an, ob jemand an der Vordertür, an der Lieferantentür im Hinterhaus oder aus einem der Zimmer geläutet hatte.
Typisch sind außerdem zwei Durchgänge: einer zu den Zimmern im Vorderhaus, einer in den Seitenflügel. Das Fenster sitzt oft schräg in der Ecke oder ganz an einer Seite. Wer im Grundriss einen sehr großen Raum mit nur einem Fenster sieht, hat fast immer ein Berliner Zimmer vor sich.
Das Berliner Zimmer heute
In sanierten Altbauwohnungen ist das Berliner Zimmer oft Esszimmer oder offene Küche. Wer es hell haben will, arbeitet mit Spiegeln, hellen Wänden und Lampen, die die Decke anstrahlen. Manche Eigentümer haben die Wand zum Flur durchbrochen oder Glastüren eingesetzt, damit Licht aus den Nachbarräumen hereinfällt. In Wohnungsanzeigen taucht der Begriff bis heute auf, meist als Pluspunkt, weil der Raum so groß ist.
Wer sich für die Gebäudeteile drumherum interessiert, findet die Begriffe im Beitrag über die Mietskaserne erklärt. Zum Weiterlesen eignet sich der Artikel Berliner Zimmer bei Wikipedia, der auch Literatur zur Geschichte des Raums nennt.
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